15 Prozent der Schüler haben Prüfungsangst
Gemeinsam können Lehrer und Eltern helfen

Rund 15 Prozent der Schüler in Deutschland leiden unter Prüfungsangst. Eltern und Lehrer können die lähmende Angst jedoch mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie erfolgreich behandeln, teilt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) mit.
Grundsätzlich gilt nicht nur das mangelnde Selbstvertrauen vieler Schüler als Ursache der Angst. Darüber hinaus gibt es einen statistisch nachgewiesenen Zusammenhang zwischen der bloßen Häufigkeit der Nennung von Worten wie Note, Klassenarbeit etc. und der Höhe der Prüfungsangst in der Klasse.
Lehrer können also viel zu einem angstfreien Klima beitragen. Oft sind es negative Gedanken, die Prüfungsängstliche davon abhalten, sich auf die gestellten Aufgaben zu konzentrieren. Die Angstgedanken „Ich kann nichts“ und Katastrophenphantasien wie „Meine Mutter wird es mir nie verzeihen, wenn ich versage“ sollten durch realistischere und Angst senkende Gedanken ersetzt werden: „Ich mache ganz ruhig eins nach dem andern, dann kann ich es schaffen“ oder „Wenn ich durchfalle, geht die Welt nicht unter.“ Darüber hinaus können verschiedene Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Yoga oder Atemübungen hilfreich sein.
Zudem sollte die Diagnostik und Behandlung immer auch das familiäre und schulische Umfeld berücksichtigen. Kinder, die von ihren Eltern Sätze wie ‚Das schaffst du nicht’ hören, entwickeln häufig Minderwertigkeitsgefühle und geringes Selbstvertrauen. Schon eine kritische Bemerkung wie ‚Naja’ zu einer befriedigenden oder sogar guten Note kann das Selbstwertgefühl des Kindes beeinträchtigen. Daher sollte mit den Eltern über das Familienklima und ihre Erwartungen an das Kind gesprochen werden.
Wie können Lehrer ihren Schülern helfen?
Besprechen Sie mit den Eltern, wie und seit wann die Ängste auftreten. Zudem können Sie Maßnahmen ergreifen, die generell für ein angstfreies Klima sorgen. Bewährt haben sich im schulischen Alltag die Ansätze für die Intervention gegen Prüfungsangst (nach: Stöger & Ziegler in „journal für begabtenförderung“ 2005):

1. Schaffen Sie einen angstfreien Klassenraum
- Verzichten Sie auf öffentliche Bewertung (die Noten der Klassenarbeit
werden beispielsweise nicht öffentlich verlesen; keine Gruppenbildung
aufgrund des Leistungsniveaus; kein Abfragen an der Tafel).
- Führen Sie Prüfungen möglichst ohne Zeitdruck durch.
- Machen Sie die Kriterien Ihrer Leistungsbewertung transparent.
- Weisen Sie nicht öfter als nötig auf Prüfungssituationen und auf die
Bedeutung guter/schlechter Zensuren hin.
2. Kompetenzaufbau
- Stärken Sie das Selbstvertrauen der Schüler. Das macht sie weniger
anfällig für Prüfungsangst.
3. Klären Sie auf, dass Aufgeregtheit in Leistungssituationen normal ist.
- Leistungen verschlechtern sich erst, wenn aufgabenirrelevante Be-
sorgnis die Aufmerksamkeit von der Aufgabenbearbeitung abzieht.
4. Modellwirkungen
- Setzen Sie einen prüfungsängstlichen Schüler neben einen niedrig
prüfungsängstlichen Schüler.
- Auch Lehrkräfte und Eltern können ein Modell sein. Wichtig ist, dass
ein Modell, das seine Aufgeregtheit beschreibt, gleichzeitig veran-
schaulicht, wie es diese bewältigt.
5. Vorsicht: Anteilnahme kann Prüfungsangst verstärken!
- Häufig wird versucht, durch Trösten ein positives Gefühl zu vermitteln,
möglicherweise stellen Sie ängstliche Schüler bisher von häuslichen
Verpflichtungen frei, damit sie sich besser vorbereiten können.
- Besser ist es zu erläutern, dass Prüfungen eine Gelegenheit bie-
ten festzustellen, wie gut die eigene Kompetenz sich seit der letzten
Klassenarbeit gesteigert hat.
6. Senkung des Erwartungsdrucks
- Überzogene Leistungsanforderungen führen zu Erwartungsdruck, der
auch durch das Kind selbst gesetzt werden kann. Dies gilt besonders
für begabte Kinder.
7. Perspektivenwechsel
- Prüfungsängstliche Schüler fühlen sich in Prüfungssituationen als
Person auf dem Prüfstand. Deshalb sollten die Gründe schlechter
Noten stets im Lernprozess gesucht werden, der verbessert werden
kann.
8. Selbstinstruktionen
- Während der Prüfungssituation können sich ängstliche Schüler mit
Selbstinstruktionen behelfen. Entwickeln Sie mit Ihren Schülern For-
meln, die positive Anweisungen enthalten: z.B. „Immer wenn ich
merke, ich schweife ab, dann sage ich mir: ...“
9. Langsames Gewöhnen an Leistungssituationen
- Gewöhnen Sie prüfungsängstliche Schüler schrittweise an Leistungs-
situationen, beispielsweise durch zunächst großzügig bemessene
Zeitvorgaben. Geben Sie Rückmeldungen mit dem Fokus, was noch
geübt werden muss. Vermeiden Sie den Blick auf das, was falsch ge-
laufen ist.




